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binoviewer  - Praxistipps für Amateurastronomen

High-End Planetenokulare - Teil 1

(direkt zum 2. Teil)

Einleitung:

Die Anschaffung von Okularen ist keine unproblematische Sache. Jeder Hobbyastronom kennt das Gefühl, wenn man wirklich ein neues Okular braucht, entweder um seine Palette aufzstocken oder um auf höherwertige Teile umzusteigen. Man liest viele Berichte, guckt bei Freunden durch viele verschiedene Okulare und kann sich trotzdem nicht wirklich entscheiden. Auch mir ist es so gegangen, als ich mich dazu entschloss, mir einfach mal von verschiedenen Händlern hochwertige Okulare schicken zu lassen, die ich vor allem zur Planetenbeobachtung einsetzen wollte. Alle angschriebenen Händler waren sofort dazu bereit mir die Okus zur Verfügung zu stellen.

Es ging also darum, Okulare auszuwählen, von denen man sich ein besonders klares und scharfes Bild erwarten konnte. Das Gesichtsfeld war dabei zweitrangig, dieses ist bei der Planetenbeobachtung nur für Dobsonauten von Bedeutung, ebenso wie die Randschärfe. Ein großes Gesichtsfeld gepaart mit hervorragender Randschärfe hilft dem Dobsonbesitzer dabei, nicht ganz so oft nachschubsen zu müssen. Für Planetenbeobachter mit parallaktisch nachgeführten Geräten, ist vorwiegend die Schärfe der Abbildung auf der Achse von Bedeutung. Jedoch bei der Mond- und Sonnenbeobachtung ist eine sehr gute Randschärfe angenehm. Dasselbe gilt für die Verzeichnung.

Testbedingungen und Kriterien:

Verwendete Geräte: Die Okulare wurden an folgenden Geräten getestet: Intes Micro MN78 7"/1440mm MakNewton 120/1000 Fraunhofer v. Synta (mit ausgezeichneter Optik) 70/700 Fraunhofer Lidl-Optimus

Testpersonen: Nico Kollerits, Sonja Rainer, Thomas Brüll Getestet wurde über eine Zeitraum von 2 Wochen hinweg mit einer Gesamtzeit von etwa 14 Stunden.

Schärfe und Kontrast, Detailwiedergabe [Rangliste]:

Schärfe und Kontrast sind zwei eher schlecht definierte Begriffe. Daher möchte ich lieber von Detailwiedergabe sprechen. Es wurde also getestet, welche Details im jeweiligen Okular sichtbar waren und wie gut oder leicht sie zu erkennen sind. Dazu haben wir sowohl am Tage als auch bei Nacht getestet. Am Tage haben wir uns den Strichcode(EAN-Code) auf einer in 300m Entfernung stehende Lackdose angesehen. Die Unterschiede waren minimal. Jedes Okular zeigte alle Striche, auch die feinsten, allerdings gab es Unterschiede in der Erkennbarkeit. In manchen Okularen waren die feinsten Striche nur andeutungsweise zu erkennen, in anderen ein bißchen deutlicher. Aber wie schon erwähnt, die Unterschiede waren generell sehr gering. Ein zweites Testobjekt am Tage war die Sonne. Sie brachte dasselbe Ergebnis zutage wie die Beobachtung des Strichcodes. In der Nacht wurde an Mond und vor allem an Jupiter ausgiebig getestet. An Jupiter haben wir versucht möglichst feine Details zur Bewertung heranzuziehen. Wir hatten Glück und konnten an dem einzigen Abend mit gutem Seeing eine sehr zarte Girlande (Festoon) ausmachen, welche als hervorragendes Testobjekt diente. Eine Beobachtung am Doppelstern Castor rundete das Spektrum ab. Hier kam es darauf an, den Raum zwischen den Beugungsscheibchen möglichst deutlich und dunkel abzubilden.

Einblickverhalten [Rangliste]:

Ein wichtiges Kriterium bei der Beobachtung mit hohen Vergrößerungen. Geachtet wurde vor allem auf die Veränderung der Bildgüte bei leichten Kopfbewegungen. Ein Okular das ganz leichte Bewegungen zulässt ohne gleich das Bild zu ruinieren, erlaubt auch ein genaueres Erfassen von Details, vor allem über einen längeren Zeitraum hinweg, wie es zum Beispiel beim Anfertigen von Zeichnungen der Fall ist.

Reflexe und Geisterbilder, Vergütung, Schwärzung [Rangliste]:

Keines der getesteten Okulare zeigte Geisterbilder oder Reflexe. Alle besitzen eine hochwertige Vergütung. Das Zeiss-Okular ist das einzige mit normaler T-Vergütung, trotzdem konnte kein Unterschied zu den anderen Okularen festgestellt werden, womit bewiesen ist, dass eine hochwertige T-Vergütung echtem Multicoating in nichts nachsteht! Alle Okulare sind ausreichend geschwärzt. Lediglich das Zeiss-Okular hat eine glänzende Innenlackierung, die sich jedoch bei der praktischen Beobachtung nicht bemerkbar machte. Was jedoch beim Zeiss-Okular stört, ist die fehlende Augenmuschel und die weisse Lackierung des Okulargehäuses. Dieses sollte man unbedingt schwarz übermalen.

Einfärbung von Objekten, Farbreinheit:

Alle Okulare sind frei von Verfärbungen, d.h. in jedem Okular bleibt eine weisse Fläche auch wirklich weiss. Vor allem beim LV-Okular hätte ich am ehesten mit einer leichten Gelbfärbung gerechnet, konnte aber absolut nichts feststellen. Zu bemerken war lediglich, dass das Zeiss-Okular im Gegensatz zu allen anderen Okularen ein etwa kälteres Bild zeigte. Die Ursache dürfte wohl in der T-Vergütung liegen, welche kühlere Farbtöne produziert als das Multicoating. Der Unterschied war jedenfalls sehr gering und kaum wahrzunehmen.

Verzeichnung [Rangliste]:

Verzeichnung ist für Planetenbebachter kaum ein Kriterium. An Mond oder Sonne kann sie aber störend sein. Auf jeden Fall sollten hochwertige Okulare frei von Verzeichnung sein. Vor allem Dobsonbesitzer sollten darauf achten, möglichst verzeichnungsfreie Okulare anzuschaffen, um das ganze Gesichtsfeld nutzen zu können.

Randschärfe [Rangliste]:

Ein besonders für Dobsonbesitzer wichtiger Faktor, denn ein Okular mit sehr guter Randschärfe zwingt weniger oft zu ständigem Nachschubsen. Aber auch der Ästhet unter den Beobachtern weiß gute Randschärfe zu schätzen. Spielt diese bei der Beobachtung von Jupiter noch keine Rolle, da das Jupiterscheibchen klein ist und gänzlich in der Mitte platz hat, so ist für eine genussvolle Mondbeobachtung die Randschärfe von grösserer Bedeutung. Wer will schon bei einem grossflächigen Objekt nur die Mitte scharf sehen? Dasselbe gilt für Sonnenbeobachter.

Preis-/Leistungsverhältnis [Rangliste]:

Warum denn unbedingt das beste Okular kaufen, wenn man um den halben Preis ein fast ebensogutes bekommt. Oder besser doch keine Kompromisse eingehen? Diese Frage muss Gott sei Dank jeder für sich selbst beantworten. Dieser Preis-/Leistungsvergleich ist daher sehr subjektiv und soll höchstens Ausgangspunkt für eigene persönliche Abschätzungen sein.

Ranglisten

Um die Ergebnisse des Tests möglichst übersichtlich darzustellen, haben wir zu jedem Testkriterium eine eigene Tabelle erstellt, in der die Okulare nach ihrem Abschneiden gereiht sind. Der erste Rang ist dabei wie üblich der Beste. Um aber auch die Abstände innerhalb der Tabelle deutlich zu machen, haben wir eine Punktwertung von 0-10 hinzugefügt, wobei 10 Punkte nur für ein "perfekt" vergeben wurden. So kann man ersehen, ob ein Okular viel, oder nur wenig schlechter als ein anderes ist. 10 Punkte bedeutet also ein ausgezeichnetes Abschneiden bei diesem Kriterium, 0 Punkte würden für eine völlig inaktzeptable Leistung stehen.

Technische Spezifikationen/Händler:

Okular Anzahl Linsen Gesichtsfeld Augenanbstand fokusierbar ja/nein Preis € (inkl.) zu Verfügung gestellt von
Vixen LV 12mm 6? 50° 20mm nein 152 Vehrenberg
Nikon CW 12,5mm 6? 55° 20mm ja 254 APM-Telescopes (Markus Ludes)
Olympus WHS 12,5mm 6? 55° 20mm ja 389 APM-Telescopes (Markus Ludes)
Zeiss 12,5mm 4 52° 11mm nein 130 APM-Telescopes (Markus Ludes)
Kasai Ortho 12,5mm 4 43° 10mm nein 77 APM-Telescopes (Markus Ludes)
Olympus 12,5mm 6 51° 20mm ja/nein 235/179 Gerd Neumann

 

Detailwiedergabe:

Rang Okular Punkte (0-10) Bemerkung
1 Nikon CW 12,5mm 10 Details sind im Nikon ein kleines bischen sicherer wahrzunehmen als bei den anderen Okularen
2 Olympus 12,5mm 9 bei allen anderen Okularen konnte kein Unterschied in der Detailwahrnehmung erkannt werden. Sie zeigen alle dieselben Details, sind daher bei diesem Kriterium gleich gut. Der Unterschied zum Nikon ist minimal und kaum wahrnehmbar und resultiert wahrscheinlich nur aus dem exzellenten Einblickverhalten des Nikon.
2 Vixen LV 12mm 9
2 Zeiss 12,5mm 9
2 Olympus WHS 12,5mm 9
2 Kasai Ortho 12,5mm 9

 

Einblickverhalten:

Rang Okular Punkte (0-10) Bemerkung
1 Nikon CW 12,5mm 10 perfekt
2 Olympus 12,5mm 9 ebenfalls ausgezeichnetes Einblickverhalten, Gummiaugenmuschel wäre ganz rundum besser
2 Vixen LV 12mm 9 fast perfekt, die Gummiaugenmuschel könnte etwas weiter und weicher sein
3 Olympus WHS 12,5mm 7 Einblick immer noch sehr gut, aber schon ein bischen empfindlicher auf Kopfbewegung
3 Zeiss 12,5mm 7 Einblickverhalten sehr gut, es stört aber der weiße Okulartubus und es fehlt eine Augenmuschel
4 Kasai Ortho 12,5mm 5 geübte Beobachter können den Einblick noch gut halten, reagiert empfindlicher auf Bewegungen

 

Reflexe und Geisterbilder, Vergütung, Schwärzung:

Rang Okular Punkte (0-10) Bemerkung
1 Nikon CW 12,5mm 8 keine Geisterbilder, innen ausreichend geschwärzt
1 Olympus 12,5mm 8 keine Geisterbilder, innen ausreichend geschwärzt
1 Vixen LV 12mm 8 keine Geisterbilder, innen ausreichend geschwärzt
1 Kasai Ortho 12,5mm 8 keine Geisterbilder, innen ausreichend geschwärzt
2 Olympus WHS 12,5mm 7 keine Geisterbilder, innen ausreichend geschwärz bis auf einen Abstandsring
3 Zeiss 12,5mm 5 keine Geisterbilder, innen aber leicht glänzend lackiert

 

Verzeichnung:

Rang Okular Punkte (0-10) Bemerkung
1 Nikon CW 12,5mm 10 keine Verzeichnung wahrnehmbar
1 Zeiss 12,5mm 10 keine Verzeichnung wahrnehmbar
2 Vixen LV 12mm 9 Verzeichnung minimal
3 Kasai Ortho 12,5mm 8 Verzeichnung sehr gering
4 Olympus 12,5mm 7 gering
4 Olympus WHS 12,5mm 7 gering

 

Randschärfe:

Rang Okular Punkte (0-10) Bemerkung
1 Vixen LV 12mm 10 perfekt, Jupiter zeigte am Gesichtsfeldrand klebend keinerlei Einbußen!
2 Zeiss 12,5mm 9.5 fast perfekt, 95% des Gesichtsfeldes sind ohne jegliche Einbußen nutzbar
3 Nikon CW 12,5mm 9 sehr gut, 90% des Gesichtsfeldes sind ohne jegliche Einbußen nutzbar
4 Kasai Ortho 12,5mm 7 gut, 80% des Feldes sind einwandfrei
5 Olympus 12,5mm 5 weniger gut, etwa 60% des Gesichtsfeldes sind konstant scharf, Nachblicken hilft nur teilweise
6 Olympus WHS 12,5mm 4 ebenfalls weniger gut, 50% des Feldes sind scharf, im Randbereich definitiv unscharf

 

Preis-/Leistungsverhältnis:

Rang Okular Punkte (0-10) Bemerkung
1 Vixen LV 12mm 9 Preis-/Leistung fast perfekt, könnte noch etwas günstiger sein :)
2 Olympus 12,5mm 8 Preis-/Leistung sehr gut, nur die Randschärfe ist nicht opitmal, ansonsten Top
3 Nikon CW 12,5mm 7 ein perfektes Okular für all jene die keinerlei Kompromisse eingehen wollen
4 Zeiss 12,5mm 5 das weisse Gehäuse und die fehlende Gummimuschel bringen Abzüge
5 Kasai Ortho 12,5mm 4 in dieser Preisklasse optisch das Beste, für mich wegen des Einblicks aber nur zweite Wahl
6 Olympus WHS 12,5mm 0 das teuerste Okular mit der grössten Randunschärfe, halber Preis wäre eher gerechtfertigt!

 

Abschliessende Bemerkungen:

Bei den meisten Kriterien waren die Unterschiede zwischen den einzelnen Okularen sehr gering, teilweise kaum wahrnehmbar. Nicht zuletzt deshalb musste die Testzeit auf über 14 Stunden verlängert werden. Alle diese Okulare sind sehr gut, nur das Olympus WHS ist auf jeden Fall überteuert. Das Zeiss kommt vielleicht nicht ganz so gut weg wie es optisch eigentlich ist, das liegt an dem weiss lackierten Gehäuse und der fehlenden Augenmuschel. Der augenseitige Teil des Gehäuses ist jedoch abschraubbar und kann daher ohne Probleme mit mattschwarzem Lack überstrichen werden. Fertigt man sich dann noch eine Augenmuschel aus Gummi, bekommt man für wenig Geld ein Top-Okular mit einer ganz außerordentlichen Randschärfe. Das Vixen LV kann mit den Allerbesten mithalten. Davon wäre ich persönlich vor dem Test nicht ausgegangen. So kann man sich täuschen! Nur das Gesichtsfeld könnte noch ein bißchen grösser sein. Das Nikon hat uns sehr beeindruckt. Es ist praktisch perfekt und für jene die wirklich das Beste wollen ist es die allererste Wahl.

Für Beobachter mit Binokularansatz ist das Olympus von Gerd Neumann ideal. Es ist mit und auch ohne Eigenfokusierung zu bekommen, das hilft Geld sparen, denn jenes Okular ohne Fokusierung ist wesentlich günstiger im Preis. Ideal auch bei allen Binokularansätzen die ohne obligaten Dioptrieausgleich kommen. Das Kasai mit seiner klassisch orthoskopischen Bauform leidet entsprechend stark unter dem kleinen Gesichtsfeld von 43° (Tunnelblick). Dafür ist die Abbildung über 80% dieses kleinen Feldes perfekt und wer hinter diesem Okular nicht stundenlang beobachtet wird auch mit dem Einblick gut zurechtkommen. Der Preis ist mit Abstand der kleinste, die Qualität der Abbildung besser als die der üblichen Plössl-Typen.

Alle Okulare, außer dem Kasai, lassen sich auch sehr gut für Deep-Sky-Beobachtung nutzen. Vor allem jene, die über eine gute Randschärfe verfügen, also das Nikon, das Zeiss (nach Umlackierung des Gehäuses) und ebenso das Vixen LV. Diese drei Okulare zeigen punktnadelfeine Sterne bis an den Rand. Ebenso sind alle Okulare, bis auf das Kasai, auch für Brillenträger geeignet.

 

 

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