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binoviewer  - Praxistipps für Amateurastronomen

Das Lidl-Teleskop, ein Erfahrungsbericht von Gernot Stenz

Dezember 2002 (und noch einige Zeit danach) gab es bei Lidl wieder mal ein Teleskop zu kaufen. Aber, Helden, die wir sind, verpassten ich und meine Freundin gerade das Astronomie-Event des Winters 2002/2003 - das Lidlscope. Durch das Astronomie-Forum wurde ich wenig später auf den Lidl-Refraktor aufmerksam... und wollte auch einen. Allerdings waren die Teile bei Lidl inzwischen ausverkauft und bei Ebay erzielte das inzwischen schon legendäre Gerät erstaunliche Preise... aber dann erhielt ich die Nachricht, daß es im Hohenlohischen und auf der Ostalb wieder das Lidlscope geben würde, sogar noch preisreduziert. Also, rein ins Auto und auf dem Weg vom Bodensee nach München einen größeren Haken gemacht. Und dann war es unser... das Lidlscope.

Binoviewer aus dem Astronomieforum hatte mittlerweile eine komplette Beschreibung des Lidlscopes und seiner Probleme ins Web gestellt. Dazu eine ganze Liste von Tuningtips für den kleinen Fraunhofer. Diese Tips betrafen insbesondere:

1. Das Auskleiden verschiedener Teleskopteile mit Veloursfolie zur Verminderung von Lichtreflexen.
2. Das Zurechtstutzen des Okularauszugs.
3. Die Verminderung des Shiftings am Okularauszug.
4. Das Entfernen einer Blende aus dem Okularauszug.
5. Das Lösen der Taukappe, um ein Verspannen der Objektivlinsen zu vermeiden.
6. Das systematische Verdrehen der Objektivlinsen, um die optimale Abbildungsqualität zu erreichen.

Nachdem wir unser Lidlscope einige Male getestet hatten, entschlossen wir uns dazu, einige dieser Verbesserungen auszuprobieren. Z.B. hatte wir auch die beschriebene kreuzförmige Abbildung von Sternen als Resultat einer zu straffen Taukappe. Allerdings waren wir zum Teil etwas skeptisch. Eine alte Mechanikerweisheit lautet "If it ain't broke, don't fix it!" Dazu sollten die Maßnahmen noch halbwegs kostengünstig zu machen sein. Schließlich sollte das Tuning nicht teurer werden als das Teleskop. Und so machten wir uns an die Arbeit.

Punkt 1. Das Auskleiden mit Veloursfolie

Vermutlich den deutlichsten Effekt aller Tuningmaßnahmen (zumindest beim Betrachten des Teleskops) hat das Auskleiden von Teleskoptubus, Taukappe und Okularauszug mit schwarzer Veloursfolie. Wir kauften im lokalen Baumarkt eine Rolle von 100x45cm von Alcor für 5,99 FRZ und eine Rolle Paketklebeband aus dem Baumarkt (No-Name) für 2,03 FRZ (halb so teuer wie tesa). Dazu noch eine Probeflasche Nagellackentferner von dm für 0,45 FRZ zum entfetten.

Bevor die eigentliche Arbeit losging, warfen wir noch einen ausführlichen Blick in den Tubus. Allerdings konnten wir auch bei ganz eingefahrenem Okularauszug keine Abschattung der Optik feststellen. Die Objektivlinsen waren durch das zu lange Blendrohr und die überflüssige Blende hindurch gut und vollständig zu sehen. Die Probleme mit der Abschattung waren nur auf alte Modelle des Lidlscopes beschränkt. Also beschlossen wir, auf Gewaltmaßnahmen am Okularauszug zu verzichten und die überflüssigen Teile überflüssig zu belassen.

Punkte 2 und 4 fielen also weg. Lediglich das zu starke Shifting wurde wie vorgeschlagen mit einem außen aufgeklebten Streifen Veloursfolie beseitigt. So war Punkt 3 erledigt.

Bevor man die Taukappe auskleiden konnte, mußte sie erstmal demontiert werden. Sie saß allerdings sehr stramm und andere Lidlscope-Besitzer berichteten, daß die Optik die Anwendung roher Gewalt nicht gut verträgt. Also lagerten wir den kompletten Tubus erstmal draußen auf dem Balkon und warteten. Dann heizten wir die Taukappe von außen mit einem Fön auf und voila! Die Taukappe ließ sich gewaltfrei entfernen.

Anschließend wurde die Taukappe von innen in drei Abschnitten mit Folie beklebt. Die Veloursfolie wurde direkt nach dem Zuschneiden und noch einmal nach dem Einkleben mit um die Hand gewickeltem Paketband von Dreck und überflüssigen Fasern gereinigt. Auf dieselbe Weise wurde der vordere Teil des Blendrohrs am Okularauszug bis zur Blende beklebt.

Allerdings mußten wir feststellen, daß die bei weitem heftigsten inneren Lichtreflexe im vorderen Teil des Tubus, zwischen dem Objektiv und der ersten Blende, auftraten. Wenn die Veloursaktion also etwas bringen sollte, mußten wir auch in den Tubus rein. Also lösten wir die Fixierschraube der Linsenfassung... oder versuchten es. Nach ein paar Umdrehungen drehte sich die Gegenmutter der Schraube im Tubusinneren leer mit. Es blieb keine andere Wahl, die Linsen mußten raus. Wir schraubten den Innenring der Linsenfassung heraus und versuchten, die Linsen in ihrer Originallage herauszubekommen. Sofort markierten wir mit Faserstift die relative Lage beider Linsen an deren Außenseiten. Danach konnte der Tubus innen beklebt werden. Das heißt, meine Freundin konnte das tun, ihre Hand war für diese Arbeit klein genug, ich kam nicht in das Rohr hinein.

Das Ergebnis der Arbeit war sehr zufriedenstellend, zwischen vorher und nachher ein Unterschied wie Tag und Nacht. Vorher intensives Lichterspiel, nachher gleichmäßiges mattes Schwarz. Die Arbeit mit der Veloursfolie ging leichter als erwartet. Wir hatten immer Stücke für etwas 120 Grad des Rohr zurechtgeschnitten und die Schutzfolie von der Klebeseite nur ein Stück wiet abgezogen. Dann wurde das Stück Folie so gut es ging eingefasst und das hintere Ende angeklebt. Danach zogen wir die Schutzfolie komplett ab und klebten den ganzen Streifen ein. Wir hatten bei der ganzen Arbeit nur einmal mit einer Luftblase zu kämpfen, diese wurde einfach aufgestochen.

Punkt 5. Das Lösen der Taukappe

Bei den meisten Lidlscopes sitzt die Taukappe zu stramm auf der Linsenfassung und verspannt so die Optik. Um diesem Problem beizukommen, wird ein abfeilen oder -schmirgeln der vier Haltestreben auf der Linsenfassung vorgeschlagen, um den Druck durch die darauf sitzende Taukappe zu verringern. Hierzu hatten wir zwei Bögen Schleifpapier zu je 0,60 FRZ gekauft, einmal mit feiner und einmal mit mittlerer Körnung. Uns fiel aber auf, daß die Taukappe schon nach minimalem Abtragen von Material vollkommen locker saß. Ein kurzer Test ergab: Die Taukappe war nicht vollständig rund. In ihrer originalen Position (erkennbar an den vier Macken im mattschwarzen Lack) saß sie mit aller Macht. Verdreht um 45 Grad saß sie sehr locker. Man sollte also an dieser Stelle ohne Schleifarbeiten auskommen können und lediglich die Taukappe soweit drehen, bis sie fest, aber nicht zu fest sitzt.

Tests der Optik vor der Bastelaktion hatten eigentlich schöne Beugungsringe erkennen lassen. Intrafokal gestochen scharf und von absolut identischer Helligkeit, extrafokal etwas verwaschen und mit Farbenspiel. Aber das soll ja an einem Refraktor wie dem Lidlscope nahezu unvermeidlich sein. Da wir mit der Qualität der Abbildung eigentlich zufrieden waren, verzichteten wir auf die systematische Erkundung der optimalen Linsenposition und setzten die Linsen wieder so ein, wie sie Original in der Fassung gesessen waren. Punkt 6 fiel demnach aus.

So, damit waren wir mit dem Lidl-Tuning nach Binoviewer fertig. Uns waren aber noch ein paar andere verbesserungswürdige Punkte aufgefallen, auf die wir im folgenden eingehen wollen.

a) Oft kritisiert wird das unterdimensionierte Stativ. Die Probleme mit dem Stativ haben mehrere Ursachen. Das größte Problem hier scheint mir, daß die Bohrungen in den Aufnahmen der Montierung sowie die Aufnahmen in den Stativbeinen 7mm Durchmesser haben, wohingegen die mitgelieferten Schrauben eindeutig M6 sind. Ein Besuch beim Baumarkt macht das Problem deutlich - es gibt keine M7-Schrauben. Anscheinend werden Schrauben dieser Größe nur in manchen französischen Autos verbaut. Lidlscope-Besitzer müssen also ohne passende Schrauben auskommen. Ein Aufbohren auf 8mm halte ich speziell bei den Plastikteilen der Stativbeine für zu riskant. Hier kann erstmal nur durch größere Beilagscheiben geholfen werden.

Einfach zu verbessern dagegen ist die Versteifung des Stativs durch den dreieckigen Ablageteller. Die mitgelieferten M4-Schrauben mit hoffnungslos unterdimensionierten Beilagscheiben werden durch M5 und brauchbare Beilagscheiben ersetzt. Das kostet so um die zwei Euro.

Wenn man jetzt alle Schrauben des Stativs ordentlich anzieht (auch das Stativ einer EQ-6 wird ordentlich verspreizt), ergibt sich eine IMHO recht gute Steifigkeit des Stativs. Wenn man die Beine nicht ganz auszieht, sogar sehr gut. Das Problem ist dann eher das geringe Gesamtgewicht des gesamten Teleskops, so daß man am ehesten Gefahr läuft, die gesamte Konstruktion mit einer unbedachten Bewegung umzuwerfen. Damit wird man aber wohl leben müssen, denn gerade das geringe Gewicht einer der größten Vorteile des Lidlscope.

b) Der Ablageteller ist eher unbrauchbar konstruiert. Durch eine denkbar ungünstige Anordnung der Aussparungen ergibt sich gerade ein freier Platz für ein 1,25"-Okular. Es ist noch nicht ganz raus, ob die Stabilität der Dreiecksplatte ein Aufweiten der anderen Aussparungen auf 1,25" verträgt. Vielleicht ergibt sich hier noch was.

c) Die Tubusklemme. Aus Plastik gemacht scheint sie ihrer Aufgabe nicht so richtig gerecht zu werden. Und ein langes Leben wird sie vermutlich auch nicht haben, bis die Klemmvorrichtung abbricht. Eigenbau wird hier noch angesagt sein. Momentan habe ich mal versucht, durch unterfüttern mit einer 2mm Gummimatte (3,29 FRZ) ein schwingungsdämpfendes Element einzuführen. Ich kann allerdings noch nicht sagen, ob es was hilft.

d) Meine ersten Beobachtungen mit dem Lidlscope spielten sich fast alle in Zenithnähe ab. Und in den noch recht frischen Märznächten mußte ich feststellen, daß der Sucher nach 30-60 Minuten durch Taubeschlag unbenutzbar wurde. Unsere Lösung: Aus der oben genannten Gummimatte und etwas Paketband wurde eine aufsteckbare Taukappe gebaut, die sich problemlos wieder abnehmen läßt und die Weiterverwendung der originalen Staubschutzkappe erlaubt.

e) Mit unserer Montierung waren wir eigentlich recht zufrieden. Die Gängigkeit der Achsen war gut, lediglich die RA-Schnecke läuft auf einem Teil der Umdrehung etwas stramm. Da das aber die Präzision der manuellen Nachführung nicht betrifft, machen wir am Schneckentrieb erstmal nix. Allerdings gibt es noch ein anderes Problem durch die biegsamen Wellen: Pausenlos stößt man irgendwo an. Einer dieser Anschlagpunkte an der Montierung ist das Widerlager für den optionalen RA-Motor. Wenn man das einfach herausschraubt und die leere Bohrung mit einem Stück Gewebeband verschließt, gewinnt man wieder ein paar Grad Bewegungsfreiheit. Zusätzlich ließe sich noch das Antriebsrad für den RA-Motor abschrauben, das wiederum ist aber oft ganz praktisch zum Nachführen, wenn der Arm gerade nicht lang genug ist, um die biegsame Welle zu erreichen.

Alles in allem bin ich sehr zufriedem mit dem Lidlscope, mit der Optik wie mit der Mechanik. Selbst die so viel gescholtenen mitgelieferten Okulare sind so schlecht nicht, speziell das 4mm zeigt am Jupiter eine sehr gute Leistung (merkwürdigerweise am Saturn nicht so sehr). Trotzdem läßt sich der Zukauf von etwas Zubehör wohl nicht vermeiden, und das kann schnell teurer werden als das ganze Lidlscope. Binoviewer hat auf seinen Lidlscope-Seiten eine recht gute Auswahl zusammengestellt, lediglich ein paar FIlter für Mond- und Planetenbeobachtung fehlen.

Gernot Stenz

 

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