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Die Krankengeschichte eines Schmidt-Cassegrains aus Massenproduktion

"Ein 100mm APO zeigt dir mindestens genauso viel wie ein 200mm Massen-SC" - diesen Satz hört man sehr oft. Obwohl eigentlich von der Theorie her gar nicht möglich, so muß doch irgendwas Wahres dran sein, an dieser Geschichte. Kann es denn wirklich sein, daß ein 4" APO gleich viel oder sogar mehr zeigt als ein doppelt so großes SC?

Die folgende, mit Unterstützung des Programms ABERRATOR erzählte Geschichte soll zeigen, wo hier der sprichwötliche Hund begraben liegt und wie es zu solchen Vorurteilen kommt:

(Man betrachte die gezeigten Bilder aus 50cm Abstand (bei 1024x768, 17"Monitor) um einen realistischen Eindruck zu bekommen.)

"Eines Tages war ich bei einem Freund zu einer gemeinsamen Beobachtung mit seinem neu erworbenen Massen-SC eingeladen. Auf meinen Rat hin hat er die Optik von einem unabhängigen Labor testen lassen. Das Ergebnis waren die für ein solches Gerät typischen Werte. Die Optik war beugungsbegrenzt, hatte knapp über 0.8 Strehl, einen ganz leichten Astigmatismus der aber nur bei ca. 1/5 pv-wave war und die Schmidt-Platte brachte ein wenig Mikrorauhigkeit ins System, aber durchaus noch im normalen Rahmen. Mein Freund hatte also ein ganz normales, durchschnittliches SC erworben und konnte zufrieden sein.

Trotzdem bat er mich einen Blick durchzuwerfen, um die im Labor ermittelten Werte in der Praxis zu bestätigen. Es war so gegen 21Uhr als ich bei ihm eintraf. Er hatte das Gerät, wie besprochen, bereits 2 Stunden vorher zum Auskühlen aufgebaut. Es war eine kalte Winternacht, die Luft war sehr klar und ruhig, absolut windstill. Ich blickte auf zu Capella, die nahe dem Zenit stand und nur alle paar Sekunden ganz schwach flackerte. Das Seeing schien wirklich ausgezeichnet zu sein und die Vorfreude auf die kommende Beobachtung wurde immer größer. Ich konnte es kaum noch erwarten endlich Saturn knackscharf zu sehen, wir hielten uns daher nicht lange mit Fachsimpeln auf, sondern schritten gleich zur Tat.

Am Gerät angekommen gleich mal ein 6mm Kasai-Ortho-Okular reingesteckt und den Polarstern ins Visier genommen. Zuerst wollte ich einen kurzen Startest machen, um einen Überblick zu bekommen. Das 6mm-Kasai lieferte eine 338fache Vergrößerung, für einen Startest also genau richtig. Der erste Blick war allerdings doch etwas ernüchternd. Polaris zeigte sich eher matschig, keine Spur von schönen Beugungsringen, wie ich sie eigentlich erwartet hätte. Möglicherweise ist das Seeing doch nicht so gut, oder war das Gerät etwa immer noch nicht richtig ausgekühlt?
   
Der Startest zeigte erstmal einiges an Turbulenz, ich war mir aber nicht sicher, ob diese von der Atmosphäre oder vom Gerät her stammte. Ansonsten war die im Labor ermittelte Sphärische Aberration intra- und extrafokal schön zu sehen. Intrafokal eher undeutliche, dagegen extrafokal umso markantere Beugungsringe, wie es für dieses Maß an Spärischer Aberration zu erwarten war. Auch eine leichte Dejustierung bildete ich mir ein zu erkennen und der geringe Astigmatismus war bei genauer Prüfung auch bemerkbar, wenn auch schwierig. Alles in allem sollte das Gerät brauchbare Bilder liefern.
   
Voller Erwartungen schwenkte ich das Teil rüber zu Saturn. Ich beließ das 6mm-Kasai im Okularauszug, schließlich wollte ich gleich einen ordentlich großen Saturn genießen können. Leider war der erste Blick nicht gerade erbauend. Die Cassiniteilung war zwar blickweise umlaufend zu verfolgen aber es wabberte doch ordentlich im Okular und Saturn war alles andere als knackscharf, eher verschwommen und matschig. Für ein SC mit einer Qualtiät von 1/4 pv-wave war das auf jeden Fall zuwenig. Möglicherweise war das Gerät doch noch nicht genügend ausgekühlt. Von meinen alten SC wußte ich, daß es oft bis zu 4 Stunden brauchte um vollständig auszukühlen. Schließlich mußte sich das arme Teil von Zimmertemperatur auf -5°Celsius anpassen. Ich schlug meinem Freund also vor, inzwischen eine Tasse Tee (mit Rum) zu trinken und eine weitere Stunde mit der Beobachtung zuzuwarten.
   
Nach zwei Tassen Tee (mit Rum) und eineinhalb Stunden später standen wir wieder vor dem Gerät. Na also, das Warten hatte sich gelohnt, oder war es etwa der Rum im Tee? Wie auch immer, Saturn war nun um einiges schärfer und zeigte eine schöne umlaufende Cassiniteilung sowie das Südliche Äquatorband. Richtig knackig war das Ganze aber immer noch nicht, auch hatte ich noch ein ganz leichtes Wabbern im Okular. Trotzdem war mein Freund bereits sehr von Saturn angetan. Er sah Saturn zum ersten mal, was ihn entsprechend beeindruckte. Er konnte gar nicht verstehen, was ich an dem Bild auszusetzen hätte, für ihn war es einfach perfekt. Also wollte ich ihm den Unterschied deutlich machen.
Parallel zum neuen SC meines Freundes hatte ich einen ausgezeichneten 4" Flourit-Apo aufgebaut, den ich mir von einem Kollegen extra für diesen Vergleich geborgt hatte. Ich hatte auch das Glück über ein Okular zu verfügen, welches dieselbe Vergrößerung lieferte wie danebem am SC. So konnten wir wirklich direkt vergleichen. Der APO hatte eineinhalb Stunden Zeit zum Auskühlen, für einen 4" Refraktor selbst bei diesen tiefen Temperaturen eine ausreichend lange Zeit. Wie erwartet war Saturn im APO knackiger und zeigte deutlichere Oberflächendetails. Die Cassiniteilung war schön schwarz und erschien auch breiter, das Bild war außerdem absolut ruhig. Nur etwa alle 10 Sekunden ging ein leichtes Wallen durch. Das bedeutete ein ausgezeichnetes Seeing, wie man es hier bei uns leider nur einmal im Jahr hat.
   
Jetzt war mir auch klar, daß es sich bei dem im SC vorhandenen Wabbern um Tubusseeing handeln mußte. Aufgrund der fallenden Temperaturen und der ungleichen Wärmeabstrahlung des Tubus strömte im Inneren des SC ständig wärmere Luft von der Tubusunterseite zur Oberseite. Das war möglicherweise der Hauptgrund für das schlechtere Bild im SC. Ich besprach die Sache mit meinem Freund und er ließ sich dazu überreden, das Gerät gleich am nächsten Tag zu isolieren und mit einer aktiven Lüftung auszustatten.
Für heute war der Test also erstmal beendet und wir hofften beide gleich morgen Nacht weitermachen zu können, so der Wettergott dies zuließe.
 
   
Wir hatten Glück! Am nächsten Abend schienen die Verhältnisse genausogut zu sein wie in der Nacht zuvor. Mein Freund hatte ganze Arbeit geleistet, seinem SC einen Mantel aus Heizkörpertapete und zwei Lüfter auf der Rückseite verpasst. Der eine Lüfter bließ, der andere saugte die Luft wieder heraus, so sollte ein guter Austausch gewährleistet sein. Zuerst überprüfte ich mit dem 4" APO die Luftqualiät und siehe da, exakt dasselbe Bild von Saturn wie am Tag zuvor. Dasselbe exzellente Seeing mit nur ganz seltenen Wallungen. Das SC stand bereits seit dem späten Nachmittag im Freien aber ohne laufende Lüfter. Das Bild war schon ein wenig besser als am Abend zuvor, ein Verdienst der Isolierung mittels Heizkörpertapete. Trotzdem war es noch etwas flau und nicht so schön wie im 4" APO.
Ich erinnerte mich auch, daß das Gerät noch nicht exakt kollimiert war. Das mußte auf jeden Fall zuerst erledigt werden. Kollimiert wurde am Polarstern mit 338facher Vergrößerung. Nach etwa einer halben Stunde war ich mit dem Ergebnis zufrieden. Nun war das Bild auch tatsächlich einen Hauch besser, allerdings kein wirklich betörender Unterschied. So schlecht war die Kollimation zuvor anscheinend doch nicht.
   
Nun blieben nur noch die Lüfter als Retter des schönen Saturn. Mein Freund hatte sie mit einer Regelung versehen und nun wurden sie erstmal mit den vollen 12 Volt in Gang gesetzt um gleich ordentlich im Gerät umzurühren. Inzwischen gönnten wir uns wieder eine Tasse Tee (mit Rum natürlich), waren aber aus lauter Ungeduld und Neugier schon nach einer Viertelstunde wieder draußen und checkten sofort den Status. Kaum zu glauben! Schon jetzt war Saturn scharf und knackig, bereits nach so kurzer Zeit des Lüftens, die Mühe hatte sich also gelohnt. Nun war Saturn sogar schöner als im APO, mehr Details und eine wunderbar umlaufende Cassiniteilung. Es war geschafft! So muß Saturn in einem optimierten Massen-SC dieser Qualität (Strehl 0.8) aussehen!

 

Diese Nacht dauerte noch lange, wir waren von Saturn gar nicht wegzubekommen. Erst als er schon tief im Westen stand machte ich mich auf den Heimweg und verabschiedete mich von einem überglücklichen Besitzer eines wirklich guten Gerätes.

Links:

Die Auswirkung von Obstruktion am Beispiel Saturn
Teleskopvergleich am Planeten Saturn
Teleskopvergleich am Planeten Jupiter
Teleskopvergleich an Deepsky-Objekten

Opitk - FAQ (.pdf), von Georg Dittie

 

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